Die PAFMECA Konferenz (Rede vom 02.02.1962)
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Es ist für uns Äthiopier ein Privileg, in unserer Mitte solch eine ausgezeichnete Versammlung afrikanischer Nationalführer und Friedenskämpfer dieser Region zum Anlass der Eröffnung der Konferenz der Panafrikanischen Freiheitsbewegung von Ost- und Zentral-Afrika hier in unserer Hauptstadt Addis Ababa zu begrüßen. Dies ist nicht das erste Mal, dass Addis Ababa als ein Gastgeber für afrikanische Führer agiert, und die Resultate, welche während vergangener Konferenzen erreicht wurden, geben auf der Seite derjenigen, die daran teilnahmen, Anlass zu Stolz und ein Gefühl von Erfüllung. Wir sind gleichermaßen sicher, dass diese Konferenz, welche heute einberufen wird, entscheidend zu den Zielen von afrikanischer Unabhängigkeit und Einheit beitragen wird.
Wir heißen besonders die Delegationen des neuerdings unabhängigen afrikanischen Schwesternstaates Tanganyika Willkommen, dessen Führer Herr Julius Nyerere solch eine herausragende Rolle in der Einführung und Förderung der Ideale von P.A.F.M.E.C.A. gespielt hat. Wir freuen uns außerdem festzustellen, dass P.A.F.M.E.C.A. erstmals seit seiner Gründung verschiedene unabhängige afrikanische Staaten, namentlich Tanganyika, der Sudan, Somalia und Äthiopien, in seine Gemeinde zieht. Dies wird ohne Zweifel ein starker Faktor sein, die Friedensbewegung Unserer Region zu beschleunigen. Die Tatsache, dass neue Nationen die Wichtigkeit dieser Bewegung und den Einfluss, den sie mit Formung der zukünftigen Region haben können, bemerken, sollte eine Quelle der Zufriedenheit und Ermutigung für uns alle sein.
Diese Konferenz entspricht einem kritischen Augenblick in der historischen Entwicklung der Länder von Ost- und Zentral-Afrika. Während wir über den kürzlichen Beitritt verschiedener afrikanischer Länder glücklich sind, sind wir voller Hoffnung und Zuversicht, dass sich die verbliebenen abhängigen Territorien, die unter kolonialer Herrschaft stehen, bald in unserer Mitte als Mitglieder freier Nationen befinden werden.
Äthiopien als ältester unabhängiger afrikanischer Staat hat bittere Erfahrungen in der Aufrechterhaltung der Kontinuität dieser Unabhängigkeit Jahrhunderte hindurch gemacht. Der bittere Kampf, den unser Land im 19. und 20. Jahrhundert, als unser Überleben als souveräner und unabhängiger afrikanischer Staat bedroht war, durchstehen musste, ist wohl bekannt. Der Kampf erreichte seinen Höhepunkt, als einer dieser damaligen Hauptkolonialmächte 1896 und 1936 einen unprovozierten Angriff gegen Äthiopien begann. Aber der Mut und die Tapferkeit der äthiopischen Nationalkräfte, die sich in diesen Jahren reichlich zeigten, schützten nicht nur unser Land, sondern trugen auch zu einem beachtlichen Maß zu der Befreiung Afrikas bei. In seinen Kriegen kämpfte Äthiopien nicht nur für sich selbst, sondern für das gesamte Afrika, und der Triumph dieses Kontinents über die Mächte des Imperialismus und Kolonialismus ist in einem kleinen Maß eine Rechtfertigung und Beleg für die Härte und Gefahren vergangener Jahre.
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Quelle der Inspiration
Es ist ein historischer Fakt, dass Äthiopiens Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus eine Quelle der Inspiration für alle farbigen Völker der Welt gewesen ist. Dieser Kampf Äthiopiens hat ihr aktiven Widerstand von allen Kolonialmächten, die systematisch eine Politik des Eingrenzens und der Isolation Äthiopiens vom Rest Afrikas verfolgten, eingebracht. Dies wurde von anhaltenden Bombardierungen mit feindlicher Propaganda, die äthiopische Realität gegenüber der Außenwelt und insbesondere Afrika falsch darstellend, begleitet. Jedoch wurde diese Politik enttäuscht und Äthiopien existierte weiterhin als ein souveränes und unabhängiges Land, obwohl die Bedrohung niemals verschwand. Während dieser Periode gewann der erbarmungslose Kampf unserer Leute, die Unabhängigkeit ihres Landes zu bewahren, die Sympathie und moralische Unterstützung der ganzen Welt und verlieh der gegenwärtigen Panafrikanismusbewegung Bedeutung und Gestalt. An dieser Stelle wäre es passend, solch bedeutenden Persönlichkeiten, wie Mr. Jomo Kenyatta, Dr. Nnamdi Azikiwe, Dr. Kwame Nkrumah, Dr. W. E. Du Bois und anderen Anerkennung zu bezeugen, die sich in schwierigen Jahren völlig mit unserem Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus identifizierten.
Es ist allgemein bekannt, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die afrikanische Befreiungsbewegung Schwung gesammelt hatte und die Länge und Breite des gesamten afrikanischen Kontinents durchdrang. In der Periode seit dem Krieg haben Wir die Geburt von über sechsundzwanzig unabhängigen afrikanischen Staaten gesehen, die die vollständige Mitgliedschaft in der U.N. erreichten und diese Zahl wird zweifellos weitergehend wachsen, wie jedes Jahr das Hervortreten immer neuer Staaten in die Unabhängigkeit erblickt. Äthiopien ist zu Recht stolz auf die Rolle, die es in dieser Entwicklung spielte.
Neue Afrikanische Nationen
Nächsten Oktober werden Wir glücklich sein, Uganda in der Gemeinschaft der unabhängigen afrikanischen Staaten begrüßen zu dürfen. Wir sind zuversichtlich, dass nach der nächsten konstitutionellen Konferenz, welche in zwei Wochen stattfinden soll, sich Kenias Unabhängigkeit, ebenfalls als ein einheitlicher Staat, nicht unnötig verzögert wird. Trotz der vergangenen unglücklichen Ereignisse, die in Ruanda-Urundi stattfanden, und des Rückschlags, den die afrikanischen Nationalisten mit dem Verlust ihres engagierten Nationalführers, des verstorbenen Prinzen Rwagasore, erfuhren, haben Wir zu hoffen, dass Ruanda-Urundi sein gehegtes Ziel der Unabhängigkeit im März 1962 in Übereinstimmung mit den Resolutionen der Vereinten Nationen erreicht.
Wenn Wir jedoch unsere Aufmerksamkeit auf Rhodesien und die portugiesischen Kolonien von Angola und Mosambik und andere richten, finden Wir die Aussichten eher düster vor. Die letzten Verbotserlässe der Nationalen Demokratischen Partei, angeführt von Herrn Joshua Nkomo, in Südrhodesien und der Arrest und Gefangennahme von vielen ihrer führenden Mitglieder verging nicht ohne die Verärgerung aller Frieden liebenden Völker zu erregen.
Die Situation in Nordrhodesien ist gleichermaßen ernst. Dort finden Wir ebenfalls die Vereinigte Nationale Unabhängigkeitspartei, welche die Unterstützung der afrikanischen Mehrheit dieses Landes genießt, angeführt von dem angesehenen nationalen Führer Herr Kenneth Kaunda, in manchen Teilen des Landes verbannt und verdrängt. Wir bedauern die Maßnahmen, die von den kolonialen Regimen unternommen wurden, um die legitimen afrikanischen Bestrebungen nach Gerechtigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit zu behindern. Wir sind sicher, dass letztendlich unsere afrikanischen Brüder dort siegreich hervortreten und das Ziel, das sie sich selbst setzten, erreichen werden.
Aufgabe unvollendet
Verglichen mit diesen beiden Gebieten sind die Aussichten in Nyasaland etwas heiterer. Aber sogar dort sind Wir uns bewusst, dass noch viel zu tun bleibt. Daher erweitern Wir unsere ernsthafte Unterstützung und Ermutigung in diesem Bestreben gegenüber unserem geehrten Bruder, dem ehrenwerten Dr. Hastings Banda, um eine afrikanische Mehrheitsregierung in seinem Land zu sichern.
Die Situation in Sansibar verdient ebenso unsere volle Aufmerksamkeit. Es ist aus unserer Sicht von höchster Bedeutung, dass die afrikanische Mehrheit dieser Inselnation ungehindert von äußeren Einflüssen und Intrigen die führende Rolle im Formen des Schicksals ihres eigenen Landes spielen darf.
Im Hinblick auf die herrschende tragische Situation in Angola, Mosambik und anderen, bedauern Wir Portugals Politik der Unterdrückung unbewaffneter und hilfloser friedlicher afrikanischer Einwohner, die keinen weiteren Fehler begehen, als ihr Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu fordern. Aus unserer Sicht sind die portugiesischen Kolonien nicht selbst regierende Gebiete und alles Gute, was Portugal im Interesse des Friedens tun kann, ist, mit den Vereinten Nationen zu kooperieren, deren Resolutionen einzuwilligen und mit den Nationalführern mit einem Blick darauf zu verhandeln, das Programm und den Zeitplan für den Eintritt seiner Kolonien in die Unabhängigkeit auszuarbeiten.
Bezüglich der Frage nach dem zukünftigen Status von Bechuanaland, Swasiland und Basutoland sind Wir durch das langsame Tempo von politischem, konstitutionellem, wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt unserer afrikanischen Gefährten in diesen Gebieten beunruhigt. Es obliegt Großbritannien, dieselbe Weisheit, die es bei seinen früheren Kolonien in Afrika und Asien angewendet hat, einzusetzen und genauso den politischen und konstitutionellen Fortschritt von afrikanischen Einwohnern dieser Gebiete zu beschleunigen, um ihren frühen Eintritt in die Unabhängigkeit zu sichern.
Die Rassentrennungspolitik der rassistischen Regierung der weißen Minderheit in Südafrika unterwirft unsere afrikanischen Brüder, welche die überwältigende Mehrheit des Landes ausmachen, weiterhin der Demütigung und Unterdrückung.
So viel wurde in der Vergangenheit über Sanktionen und Maßnahmen, die gegen Südafrika zu unternehmen sind, gesagt, aber bedauerlicherweise wurde wenig dafür getan, die Vereinigte Regierung dazu zu zwingen, ihre Politik zu ändern. Es ist daher zwingend, dass all diejenigen, denen die Interessen der Afrikaner am Herzen liegen, beginnen sollten, in neuen Grundsätzen als bisher unternommen zu denken, um unsere afrikanischen Brüder effektiv zu unterstützen, um sie aus der Knechtschaft zu führen, unter welcher sie sich derzeit in diesem unglücklichen Land befinden.
Die unglückliche Lage, in der sich unsere afrikanischen Brüder in Südwestafrika unter der berüchtigten und bedauerlichen Politik der Apartheid und rücksichtslosen Administration von Südafrika befinden, ist gleichermaßen bedrückend und unerträglich. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass die fortgesetzten Bemühungen der Vereinten Nationen und der am Internationalen Gerichtshof durch Unsere Regierung und der Unseres Schwesternstaats Liberia errichteten Gerichtsverfahren bald Früchte tragen wird.
Die Kongo-Krise
Neunzehn Monate sind nun vergangen, seitdem die Republik des Kongo (Leopoldville) die Unabhängigkeit angetreten ist, aber aufgrund der anhaltenden ausländischen Einmischung in seine internen Angelegenheiten war der afrikanische Schwesternstaat bisher nicht in der Lage, seine Einigkeit zu festigen und den Segen seiner Unabhängigkeit zu genießen. Konsequenterweise war die Einmischung der Vereinten Nationen im Kongo notwendig, um die Zentralregierung dabei zu unterstützen, Gesetz und Ordnung wieder herzustellen und die territoriale Integrität des Landes zu erhalten. Aber obwohl Wir uns der immensen Schwierigkeiten, aufgeworfen von der störenden äußeren Einmischung, bewusst sind, liegt die Aufgabe der Reintegration der Verwaltung des Gebiets dennoch in der Verantwortung der Kongolesen selbst. Bestimmte unter unseren kongolesischen Brüdern werden von der Geschichte wegen ihres scheinbaren Mangels an Patriotismus in diesen kritischen Momenten ein hartes Gericht erfahren. Alle diejenigen, die eine Führung in diesem Schwesternland anstreben, sollten erkennen, dass sie mit allen ihren Aktivitäten für die Nachwelt verantwortlich sind. Sollten sie mit ihrem derzeitigen Kurs des Streits und internen Konflikts fortfahren, werden sie eine Schachfigur der neo-kolonialen Diplomatie bleiben und somit nicht nur ihr Land, sondern auch den gesamten Kontinent Afrikas gefährden. Daher rufen wir sie auf, diese ernste Warnung zu beherzigen und die besten Interessen ihres Landes und die von Afrika zu verfolgen.
Panafrikanismus
Wie Wir zuvor erklärt haben, ist ein größerer Teil Afrikas von der Kolonialherrschaft freigekommen. Aber der Kolonialismus hat verschiedene Probleme hinterlassen. Er hat Stammes-, Religions- und Sprachunterschiede begünstigt, mit der absichtlichen Intention afrikanische Staaten mit Streitigkeiten unter sich selbst und der Verhinderung ihrer Entwicklungsprogramme ganz zu beherrschen und somit Bedingungen zu schaffen, die den Neokolonialismus gedeihen lassen. Die Afrikaner haben das Konzept des Panafrikanismus als die beste Methode zur Lösung afrikanischer Probleme und als weitere Stärkung afrikanischer Unabhängigkeit und Einheit weiterentwickelt.
Äthiopien hat sich völlig mit der Panafrikanismus-Bewegung identifiziert, in der Förderung dieser Sache hat sie bereits auf der 16. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung der Organisation afrikanischer Staaten vorgeschlagen. Wir sind erfreut festzustellen, dass dieser Vorschlag eine einstimmige Zustimmung von den unabhängigen afrikanischen Staaten auf der letzten Konferenz in Lagos erfahren hat.
Ihr trefft euch heute hier, um das Fundament für die Errichtung eines regionalen Bündnisses der ost- und zentralafrikanischen Länder zu legen.
Obwohl dieses Ziel die totale Emanzipation der Gebiete Unserer Region voraussetzt, die meisten derer befinden sich immer noch unter Kolonialherrschaft, sollte dies die bereits unabhängigen Staaten unserer Region nicht hindern voranzuschreiten und die zweckmäßigen Vereinbarungen, die diesem Ziel Form und Substanz geben, auszuarbeiten. Die Augen von ganz Afrika und gewiss von der Welt sind auf diese Konferenz gerichtet und es ist Unsere ernsthafte Hoffnung, dass das Ergebnis eurer Beratung den Erwartungen der Völker dieser Region und durchaus ganz Afrika gerecht wird.
Afrika, zusammen mit dem Rest der blockfreien Welt, trat als eine positive Kraft für Frieden und Harmonie auf unserem Planeten auf. Während des Strebens nach der Verwirklichung unserer Bestrebungen und Ideale müssen demzufolge alle unsere Anstrengungen und Ressourcen ebenso auf die Entwicklung dieses hochwichtigen Ziels gerichtet sein. Möge Gott euch Weisheit in euren Bemühungen gewähren, diese vor euch liegende Aufgabe zu vollenden.
Quelle: Haile Selassie I: Selected Speeches of His Imperial Majesty Haile Selassie I, Imperial Ethiopian Ministry of Information (Hg.), Addis Abeba 1967, S. 230-237.
Übersetzung: Chris
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