Neujahrsansprache (Rede vom 11.09.1965)

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Da wir das äthiopische Neujahr 1958 betrachten, können Wir nicht umhin, dem Allmächtigen für seine unzähligen Segnungen zu danken, die er im gerade vergangenen Jahr Uns und dem äthiopischen Volk gewährt hat. Auch können Wir es nicht vermeiden, an die Probleme zu denken, die angegangen und überwunden wurden, jene, die im Moment existieren und jene, die bei der endlosen Vorwärtsbewegung des Menschen auf der Suche nach Frieden, Fortschritt und Wohlstand erwartet werden.

Äthiopien und das äthiopische Volk haben ein weiteres Jahr in ihrem erfolgreichen Streben nach einem besseren Leben absolviert und eine Bestandsaufnahme des vergangenen Jahres macht Uns zuversichtlich, die Errungenschaften in diesem neuen Jahr und den folgenden Jahren fortzusetzen. Dies ist der Fall, da die Grundlagen, die wir gelegt haben und die wir weiterhin legen, während wir die Hauptstraße des Fortschritts bereisen, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit eines Überbaus sichern, den wir uns verpflichtet haben unter modernem Äthiopismus zu errichten. Die hervorragende Kooperation und Zusammenarbeit unter unserem Volk und ihr unentwegtes Streben nach Ausbildung und Aufklärung erinnern an jene sprichwörtlichen emsigen Arbeiter – die Bienen – die ihre Anstrengungen zusammenlegen und für das gemeinsame Wohl arbeiten.

Die Aufgabe des Aufbaus der Nation ist eine, die Generationen einschließt – die Pflicht einer jeden nachfolgenden die Gewinne ihrer Vorgänger zu festigen. Das äthiopische Volk hat diese Erkenntnis demonstriert, sodass sie damit fortfahren, in den vielfältigen Gebieten des Lebens der Nation mit ihrem auf die Zukunft gerichteten Blick Jahr um Jahr neue Grenzen zu überwinden. Unser Volk soll niemals der Besorgnis und Leitung entbehren, die Wir vom Tage, als Wir die Führung übernahmen, gelobten und deren Aufrechterhaltung die Geschichte bisher beredt gerechtfertigt hat. Der Wunsch und Eifer unseres Volkes zusammenzuarbeiten und ihr eindringliches Interesse, das generelle Wohlergehen der Nation zu verbessern, sind für Uns eine große Quelle der Befriedigung gewesen. Viel wurde erreicht, aber mehr verbleibt, um vollbracht zu werden.

In seinen internationalen Beziehungen hat Äthiopien die führenden Prinzipien von Blockfreiheit, Freundschaft, gegenseitigem Respekt und Nichteinmischung in die internen Angelegenheiten anderer Staaten befolgt. Diese generellen Prinzipien, denen Äthiopien in Einklang mit anderen Staaten folgt, umfassen seine Beziehungen mit allen Nationen nah und fern. In Afrika, unter dem Schirm einer kontinentalen Familie, hat Äthiopien diese Prinzipien – die Basis guter nachbarschaftlicher Beziehungen – peinlich befolgt.

Äthiopien begehrt nicht das Territorium oder den Besitz anderer, umgekehrt steht es stets bereit, sein souveränes Recht gegen die arglistigen Pläne anderer zu verteidigen.

Dennoch ist für Äthiopien Frieden unbezahlbar; es ist zu einer Tradition geworden; dies war so in den vergangenen Jahren, in 1957 und wird so in diesem neuen Jahr, 1958, sein. Die Rolle Äthiopiens in den Vereinten Nationen, in der Organisation Afrikanischer Einheit und in der Afro-Asiatischen Konferenz basiert auf dem offenen Bekenntnis, dass Frieden der Schlüssel zu Fortschritt, Wohlstand und sogar menschlichem Überleben ist. Solange der Wunsch nach Frieden nicht mittels konkreter Ergebnisse ausgedrückt wird und somit der Menschheit ein Gefühl der Sicherheit und Klarheit gibt, stellt die bloße fromme Hoffnung nur eine Selbsttäuschung dar.

Deshalb wenden sich unsere Gedanken der zwanzigsten Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, die sich innerhalb der nächsten zehn Tage versammeln wird; der Afro-Asiatischen Konferenz in Algier und dem afrikanischen Gipfeltreffen der OAU, die in Accra stattfinden wird, zu.

Äthiopien hat kürzlich vorgeschlagen, dass alle Staatsoberhäupter und Regierungen persönlich an der bevorstehenden Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen teilnehmen sollten, um ihren gemeinsamen Einfluss geltend zu machen, um Wege und Möglichkeiten zu finden, Frieden an den Krisenherden der Welt wiederherzustellen. Die Teilnahme von Staatsoberhäuptern und Regierungen an der Versammlung der Vereinten Nationen würde helfen, internationalen Frieden und Sicherheit aufrechtzuerhalten.

Äthiopien beabsichtigt, sich bei den bevorstehenden internationalen Klausurtagungen voll einzubringen. Sein hauptsächlicher und vorrangiger Wunsch ist, zu helfen, die Kräfte des Friedens und menschlichen Fortschritts zu stärken. Es ist niemals vor seiner Verantwortung als aktives Mitglied der internationalen Gemeinschaft zurückgeschreckt noch wird es jemals davor zurückschrecken. In größerem Ausmaß wird Äthiopien fortfahren, die Kampagne zur Beendigung des Kolonialismus zu unterstützen und wird dies weiterhin tun, bis alle abhängigen Territorien in Afrika und anderswo die klare Luft der Freiheit und Unabhängigkeit atmen.

Die ehemaligen Kolonialgebiete, die nun Unabhängigkeit und Freiheit erlangt haben, werden heute von den Überbleibseln des Kolonialismus bedrängt. Selbst wenn einige ehemalige Kolonialgebiete in einigen Aspekten von der kolonialen Administration profitiert haben, haben diese Staaten ein Volk geerbt, das untereinander gespalten ist – das Ergebnis der teile und herrsche Politik der Kolonialzeit. Dies ist zu einer krebsartig wuchernden Krankheit geworden, die sich schnell ausbreitet mit dem Ergebnis, dass nicht nur Bruder gegen Bruder gehetzt, sondern auch internationaler Friede und Sicherheit gefährdet wird. Dies sind einige der Gründe, die Uns dazu veranlasst haben, vorzuschlagen, dass alle Staatsoberhäupter und Regierungen der bevorstehenden Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen beiwohnen sollen, um konkrete Vorschläge auszuarbeiten für die Ausmerzung dieses bösen kolonialen Erbes, das unter verschiedenen Erscheinungen blüht.

Für das neue Jahr ist es Unser Wunsch, dass das äthiopische Volk weiterhin vorwärts marschiert; dass Frieden in Gebieten, die durch Konflikte gestört sind, wiederhergestellt wird; und dass der Allmächtige damit fortfahren wird, alle Anstrengungen für ein besseres Leben für Unser Volk und alle Völker der Welt zu segnen.



Quelle: Haile Selassie I: Selected Speeches of His Imperial Majesty Haile Selassie I, Imperial Ethiopian Ministry of Information (Hg.), Addis Abeba 1967, S. 477-479.

Übersetzung: Adilisha


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