Triumphaler Einzug – Tag des Sieges (Rede vom 5. Mai 1941)
… Heute ist ein Tag, an dem Äthiopien seine Hände in Freude und Dankbarkeit zu Gott ausstreckt und seinen Kindern seine Freude offenbart. …
Landsleute und speziell meine treuen Soldaten! Keine menschlichen Lippen können die Dankbarkeit ausdrücken, die ich heute dem barmherzigen Gott gegenüber empfinde, der es mir möglich gemacht hat, heute in eurer Mitte zu stehen an diesem Tage, von dem die Engel im Himmel und die Schöpfung auf Erden weder gewusst noch an ihn gedacht haben können. Vor allem anderen möchte ich euch sagen und euch verstehen lassen, das dieser Tag ein Tag ist, an dem ein neues Kapitel in der Geschichte des Neuen Äthiopiens beginnt. In dieser Zeit beginnt eine neue Arbeit, deren Ausführung die Pflicht von uns allen ist.
Wenn wir wünschen, uns an die Bedrängnis zu erinnern, die Äthiopien während der letzten Jahre befallen hat, werden wir nur von seiner neueren Geschichte sprechen. Als Äthiopien, das seine Unabhängigkeit viele tausend Jahre bewahrte, im Jahr 1888 des Äthiopischen Kalenders (1896 Gregorianischer Kalender) von Italien, das für viele Jahre davor aggressive Pläne gegen Äthiopien hegte mit der Absicht, seine Freiheit zu zerstören, angegriffen wurde, kämpften seine tapferen Söhne in Adowa und Äthiopien bewahrte seine Freiheit. Das Abkommen von Wuchali (Uccialli 1889) war nicht der einzige Grund für die Schlacht, die bei Adowa geschlagen wurde. Es war nur ein Vorwand für das anhaltende Verlangen, das Italien hatte, Äthiopien zu beherrschen. Der große europäische Krieg behinderte seine Pläne für eine Weile und trotz seiner äußerlichen Bekundungen der Freundschaft, offenbarte Italien in den letzten Jahren die Vorbereitungen, die es gegen Äthiopien nach seiner Niederlage bei Adowa aufgrund seiner Verbitterung darüber, dass sich Gerechtigkeit ihm gegenüber behauptet hatte, getroffen hatte.
Als Italien einen Angriffkrieg gegen Äthiopien begann, obwohl wir wussten, dass wir nicht so gut ausgerüstet waren, stellten wir uns ihm mit der Stärke, die wir aufbringen konnten, entgegen, denn es war unsere Pflicht, einem Feind Widerstand zu leisten, der gekommen war, unser Land an sich zu reißen. Aber da es offenkundig wurde, dass Italien darauf aus war, unser Volk mit Giftgas auszulöschen, dessen Gebrauch durch internationales Gesetz verboten war, gingen wir, um vor dem Völkerbund Beschwerde einzulegen und Gerechtigkeit zu fordern. Da gefürchtet wurde, dass diese von Italien begonnene Feindschaft sich über die ganze Welt ausbreiten könnte und da es eine Zeit war, als all jene, die Regierungsverantwortung trugen, versuchten, die Welt vor der Katastrophe, die sie seither befallen hat, zu bewahren, arbeiteten sie daran, Verständnis in der Welt hervorzubringen, um die Ausbreitung des Flächenbrandes zu verhindern. Zu jener Zeit empfing uns unser wahrer Freund, Großbritannien, mit Wohlwollen. Ich blieb dort und arbeitete, aber war ständig im Geist bei meinen Landsleuten, deren Blut sinnlos und skrupellos durch die Hände der Italiener vergossen wurde: mit den Klöstern und Kirchen, die niedergebrannt wurden; mit jenen, die gezwungen waren, im Ausland Zuflucht zu suchen und mit jenen, die litten und heimgesucht wurden in der Wildnis, in den Höhlen und Wäldern ihres Geburtslandes.
Tausende kommen um
Wie viele sind die jungen Männer, die Frauen, die Priester und Mönche, die die Italiener gnadenlos während dieser Jahre abgeschlachtet haben? Ihr wisst, dass allein in Addis Abeba viele Tausende umkamen während der drei Tage nach dem St. Michaels Tag am 12. Yekatit 1929 (19. Februar 1937). Das Blut und die Knochen derer, die mit Spaten und Spitzhacken getötet wurden, derer, die mit Äxten gespalten und zu Tode geschlagen wurden, durchbohrt mit Bayonetten, niedergeknüppelt und gesteinigt, derer, die lebendig verbrannt wurden mit ihren kleinen Kindern in ihrem Haus, derer, die vor Hunger und Durst im Gefängnis umkamen, schreien nach Gerechtigkeit. Jeder weiß, dass dieser Akt der Barbarei und Grausamkeit nicht nur in Addis Abeba begangen wurde, sondern insbesondere in den Provinzen Äthiopiens. Es gibt kaum jemanden, der nicht gefasst und geschlagen, getreten, beleidigt und eingesperrt wurde.
Nun werden wir zur neuen Geschichte übergehen. Heute vor fünf Jahren betraten die faschistischen Truppen unsere Hauptstadt. Darauf verkündete Mussolini der Welt, dass er ein römisches Imperium in unserem Land, Äthiopien, errichtet habe. Er glaubte, dass das Land, das er erklärte eingenommen zu haben, für immer in seinen Händen sein würde. Das Heldentum des äthiopischen Volkes ist in der Geschichte bekannt. Aber da wir nicht über einen Hafen verfügten, um durch ihn für unser Volk notwendige moderne Waffen zu importieren, konnten wir sie nicht erhalten. Zweiundfünfzig Nationen verurteilten Mussolini für seine Tat. Aber er prahlte mit seiner gewaltsamen Tat und schenkte ihrer Ächtung keine Aufmerksamkeit. Die letzten fünf Jahre waren Jahre der Dunkelheit für euch, mein Volk. Aber ihr habt nie die Hoffnung verloren und Stück für Stück habt ihr euch auf den äthiopischen Hügeln ausgebreitet. Der Feind riskierte nie, den Bergen, auf denen ihr wart, nahe zu kommen, denn jede Mühsal und Leid ertragend, habt ihr, die Krieger Äthiopiens, eure Freiheit während der letzen fünf Jahre bewahrt. Aber trotz der Tatsache, dass er das Land nicht erobern konnte, gab er viele tausend Lire aus und sagte, dass er das, was er halten konnte, zivilisiere. Er gab nicht das ganze Geld aus, weil er wünschte, die Bedingungen der geschundenen Äthiopier zu verbessern oder die Ungerechtigkeit, die er getan hatte, abzumildern. Sondern weil er eine faschistische Kolonie in unser heiliges Land Äthiopien einpflanzen wollte und ihm die Herrschaft der Unterdrückung auferlegen wollte, die er geplant hatte. Er versuchte, die äthiopische Rasse auszurotten und trug sich noch nicht mal mit dem Gedanken, Äthiopien die Verwaltung eines Mandats oder Protektorats zu geben, was ohnehin als schwere Bürde für ein freies Volk angesehen worden wäre. Aber das ganze Geld, das in die tausend Millionen ging und die ganze vorbereitete Bewaffnung dienten einem Ziel, das Mussolini nie dafür vorgesehen hatte. Zu einer Zeit als Italien seine Absicht offen legte, in den Krieg einzutreten, um dem unterlegenen Frankreich so viel zu entreißen wie möglich, war die Anzahl der Soldaten, der Geldbetrag und die Bewaffnung, die es nach Äthiopien schickte, enorm. Die regulären Truppen, die es zusammenzog waren nicht weniger als 250,000; es häufte auch Vorräte für viele Jahre an für den Fall, das es eingekesselt würde. Auf die Unbesiegbarkeit seiner militärischen Kraft vertrauend und damit prahlend begann die faschistische Regierung eine totalitäre Herrschaft in unserem Land zu errichten. Aber etwas passierte, was die faschistische Regierung nicht einkalkulierte. Der Kampfgeist, der im modernen Krieg entscheidend ist, zeigte sich in euch.
Respekteinflößende Gegner
Ihr wart in der Lage, den Feind, der euch in Anzahl und Ausrüstung überlegen war, zu zerstören, da ihr ein Volk mit Mut und Barmherzigkeit seid und da ihr zusammengearbeitet habt und die Kriegslist kanntet.
Die britischen Truppen, die an anderen Fronten des Krieges für Menschenrechte kämpften, benötigten Zeit, um sich bereitzumachen, Äthiopien zu Hilfe zu kommen und es zu befreien. Aber ihr, Krieger Äthiopiens, habt den Feind bedrängt, indem ihr seine Nachschublinien unterbrochen habt, indem ihr ihm zugesetzt habt und ihn auf seine Festungen begrenzt habt. Trotz der großen Anzahl von Truppen, in die er sein Vertrauen setzte, sah er ein, dass das äthiopische Volk von einem Ende zum anderen ihn und seine Herrschaft verabscheute. Er wusste auch, dass es ihm unmöglich war, in solch einem Land und in der Mitte solch eines Volkes zu leben. Selbst durch die Verwendung von Giftgas und Bomben und durch seine Gräueltaten konnte er nicht länger hoffen, eine Herrschaft über ein Land zu genießen, deren Innerstes unterminiert war. Er sah ein, dass die Soldaten, die ihn umgaben, ein mächtigerer Gegner waren als er es war. Er gab den Mut und das Geld, das ihm noch verblieben war, um seine Gegner zu treffen. Dann sah er sich um, ob er vielleicht einen Ort finden konnte, an dem er in Äthiopien Zuflucht suchen konnte, aber er konnte keine Zuflucht finden.
Als die Zeit kam, bereitete sich unser großer Verbündeter, die britische Regierung, vor, einen angemessenen Angriff gegen unseren Feind zu starten. Sobald ich davon erfuhr, machte ich mich zum entfernten Land Sudan auf, das uns im Westen begrenzt und betrat Zentral-Gojjam. In Gojjam hatte unser Feind starke befestigte Positionen, mächtige Truppen, Flugzeuge und Artillerie. Beim Vergleich der Anzahl unserer Soldaten mit denen des Feindes fanden wir, dass wir einen Soldaten für 20 von seinen hatten. Darüber hinaus hatten wir keine Artillerie oder Flugzeuge, über die wir frei verfügen konnten. Die Tatsache, dass ich in der Mitte meiner Krieger zu finden war, zog sofort mehrere tausend Männer an. Und die Furcht und Sorge unseres Feindes stieg in diesem Maß an. Während meine Soldaten die Nachschublinien des Feindes bedrängt und abgeschnitten hatten und nachdem sie seine Truppen über den Abbai (Blauer Nil) getrieben hatten und sie in Richtung Shoa und Begamder verfolgten, hörte ich die guten Nachrichten, dass die britisch kaiserlichen Truppen mit unvergleichlicher Geschwindigkeit unsere Hauptstadt eingenommen hatten und Richtung Dessie im Norden und Jimma im Süden drängten. Auf gleiche Weise zerstörten die Truppen, die im Sudan starteten die Festung Keren mit wunderbarem Nachdruck und besiegten den Feind. Und als die Zeit für meine Rückkehr in meine Hauptstadt kam, versammelte ich meine Soldaten, die bei der Verfolgung unserer Feinde in alle Richtungen verstreut waren und befinde mich heute in meiner Hauptstadt. Ich bin sehr froh, dass ich hier heute an der Spitze meiner Soldaten ankommen konnte, der Feind auf meinem Weg besiegt und um die Macht des gemeinsamen Feindes zu brechen. Ich bin dem allmächtigen Gott zutiefst dankbar, dass ich heute in eurer Mitte in meinem Palast stehe, aus dem die faschistische Regierung geflohen ist.
Ein neuer Tag
Menschen meines Landes, Äthiopien!
Heute ist ein Tag, an dem Äthiopien seine Hände in Freude und Dankbarkeit zu Gott ausstreckt und seinen Kindern seine Freude offenbart.
Dieser Tag, an dem die Menschen Äthiopiens vom bedrückenden fremden Joch und ewiger Knechtschaft befreit sind und an dem ich mit meinem Volk, das ich liebe und nach dem ich mich gesehnt habe, wieder vereint sein kann, wird als Feiertag geehrt werden, der jährlich als ein großer äthiopischer Jahrestag erinnert werden soll. An diesem Tag werden wir uns dieser heldenhaften Krieger erinnern, die, entschlossen die große Aufgabe, die ihnen von ihren Vätern übertragen wurde, nicht preiszugeben, Opfer wurden, ihr Blut vergossen und ihre Knochen brachen für die Freiheit des Landes, das sie liebten und für die Ehre ihres Kaisers und ihrer Flagge. Die Geschichte Äthiopiens wird für diese unsere Krieger Zeugin sein.
Die Drangsal und Leiden, die uns während der letzten fünf Jahre befielen und die nicht im Detail erzählt und aufgelistet werden können, werden uns allen eine wichtige Lektion sein und mit Fleiß, Einheit, Zusammenarbeit und Liebe in euren Herzen eingraviert, werden sie ein großer Anreiz für euch sein, meine Helfer in den Angelegenheiten Äthiopiens zu sein, die ich im Sinn habe. Im neuen Äthiopien möchte ich, dass ihr ein freies Volk seid, ungeteilt und ausgestattet mit Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz.
Ihr müsst euch meinen Anstrengungen für den Wohlstand dieses Landes, für den Reichtum des Volkes, für die Entwicklung der Landwirtschaft, von Handel, Bildung und Wissen, für den Schutz des Lebens und der Ressourcen unseres Volkes und für die Vervollkommnung von modernen Richtlinien der Verwaltung des Landes anschließen.
Es ist mein entschiedener Wunsch und Ziel, der Segnung, die Gott in Seiner Gnade uns erteilt hat, würdig zu sein, erstens durch das Zeigen unserer Dankbarkeit gegenüber unseren Verbündeten, den Briten, durch die Freigabe der kaiserlichen Truppen, um den gemeinsamen Feind an anderen Fronten zu bekämpfen und dadurch, ihnen Truppen zur Verfügung zu stellen, wann immer sie benötigt werden; zweitens dadurch, nutzbringend für das Volk und das Land zu arbeiten durch die Errichtung einer Regierung in unserem Äthiopien, die den Glauben beschützt und dafür sorgt, dass er respektiert wird und dadurch, die Freiheit des Volkes und die Gewissensfreiheit zu gewährleisten.
Was ich euch zum Schluss ankündigen möchte, mein Volk, ist, dass heute ein Tag der Freude für uns alle ist. Heute ist ein Tag, an dem wir unseren Feind besiegten. Deshalb, wenn wir sagen, lasst uns uns alle in unseren Herzen freuen, lasst unsere Freude nicht auf irgendeine andere Art sein als im Geiste Christi. Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Ergeht euch nicht in Grausamkeiten, die der Feind auf seine gewohnte Weise ausgeführt hat, sogar bis zum letzten Moment.
Gebt darauf acht, nicht den guten Namen Äthiopiens zu beschädigen durch Taten, die des Feindes würdig sind. Wir werden dafür sorgen, dass unsere Feinde entwaffnet und auf den Weg geschickt werden, woher sie kamen. Wie der heilige Georg, der den Drachen tötete, der Schutzheilige unserer Armee wie auch unserer Verbündeten ist, lasst uns uns mit unseren Verbündeten in immerwährender Freundschaft und gutem Einvernehmen vereinen, damit wir in der Lage sind, gegen den gottlosen und grausamen Drachen zu stehen, der vor Kurzem aufgestanden ist und die Menschheit unterdrückt. Ich trage euch auf, sie als Brüder und einen Freund zu sehen und ihnen Freundlichkeit und Achtung zu zeigen.
Quelle: Haile Selassie I: Selected Speeches of His Imperial Majesty Haile Selassie I, Imperial Ethiopian Ministry of Information (Hg.), Addis Abeba 1967, S. 332-339.
Übersetzung: Adilisha
Korrektur: Jah Roc
![]() | Creative Commons Lizenz: Namensnennung, Keine kommerzielle Nutzung, Keine Bearbeitung (Link) |

