Zweite Afrika Konferenz (Rede vom 15. Juni 1960)

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... Unabhängigkeit kann kein simples Wort frei von Bedeutung sein, es muss ein Prinzip verbleiben, das keinen Kompromiss oder Argwohn zulässt, ein Prinzip, welches Respekt für das Eigene und gleichzeitig Respekt für die Rechte anderer fordert.

1958, auf der Eröffnungsveranstaltung der Ökonomischen Kommission für Afrika der Vereinten Nationen hier in Addis Ababa, haben Wir große Freude empfunden, die vielen namenhaften Delegierten willkommen zu heißen, deren Mehrheit zu Recht afrikanische Staaten vertritt. Indem wir uns, wie wir es heute tun, in einem Moment der Krise in den Beziehungen der großen Mächte der Welt treffen, haben Wir einen besonderen Grund, Sie alle, verehrte Delegierte, im Namen Unserer selbst und Unseres geliebten Volkes auf dieser Konferenz der afrikanischen Staaten herzlich willkommen zu heißen.

Das Versagen der Gipfelkonferenz ist gewiss Anlass großer Sorge für alle von uns; da Afrikaner, wie der Rest der Menschheit, darauf bedacht sind, die Gefahr des nuklearen und thermonuklearen Kriegs von der Welt zu beseitigen. Friede ist untrennbar von und ist essentiell für Wohlstand und ordnungsgemäßen Fortschritt in Richtung eines höheren Lebensstandards auf unserem Kontinent. Daher ist es Unser aufrichtiger Wunsch, dass die Anstrengungen fortgeführt werden, sodass eine ausgehandelte Regelung von Entwaffnung und anderen Gegenständen, die eine Quelle der Gefahr für den Weltfrieden sind, herbeigeführt wird. Wenn bei einer Diskussion solcher Angelegenheiten der Friede, in der Tat das Überleben zahlreicher kleiner, sowie weniger großer Nationen auf dem Spiel steht, ist es wichtig, dass die vielen kleinen Mächte gehört werden und ihnen gleiche Möglichkeiten für Konsultation und Beratung gewährt werden.

Auf der ersten Sitzung der Ökonomischen Kommission für Afrika der Vereinten Nationen haben wir angemerkt, dass das politische Wachstum der Völker Afrikas eine Entwicklung der eindrucksvollsten und außergewöhnlichsten Entstehungen in der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte war. Die Fortsetzung dieses Ringens in den folgenden Monaten hat Errungenschaften im raschen Erscheinen einer großen Anzahl von neuen Staaten und in den Fortschritten, die von den afrikanischen Völkern hin zur Unabhängigkeit erreicht wurden, jenseits aller Erwartungen hervorgebracht. Solche Leistungen stehen für ein lebhaftes Zeugnis für diese Entwicklung und tatsächlich für die förderliche Vitalität der Völker dieses großartigen Kontinents. Wir wären treulos gegenüber dem Willen des Allmächtigen, der uns die Möglichkeit der Einheit bot, erlaubten wir, dass dieses Ideal ein bloßer Traum würde.

Heute habe wir große Freude daran, den Kongo, Kamerun, Togo, Nigeria und Somalia in voller Teilnahme an unserer Beratung begrüßen zu dürfen. Es ist unsere Überzeugung, wie Wir zuvor bemerkten, dass das politische Wachstum der afrikanischen Völker seinen Höhepunkt nicht vor dem endgültigen Ziel, welches Unabhängigkeit und völlige Freiheit für alle afrikanischen Menschen ist, erreichen wird.

Dieser eindrucksvolle und unerbittliche Fortschritt hin zur totalen Emanzipation unseres Kontinents war nicht ohne Hindernisse. Das Blutvergießen und Leiden, dessen Wir während des letzten Jahres in verschiedenen Teilen dieses Kontinents Zeuge wurden, sind zu lebhaft in Unserem Gedächtnis, um eine Aufzählung der Fakten zu benötigen; sie sind tragisch und wir müssen dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholen. Wir müssen Wege und Mittel entwickeln, die sinnlose Zerstörung afrikanischen Lebens aufzuhalten. Afrikaner haben keine Sünde begangen, außer die Verfolgung der Unabhängigkeit und Freiheit von der kolonialen Unterdrückung wird als solche gesehen. Daher ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass diese Sehnsucht ihr Ziel erreicht, indem wir ihr angemessenen Ausdruck in unseren Entscheidungen hier auf der Konferenz verleihen. Zu diesem Zweck müssen wir uns entschlossen als furchtlose und zielstrebige Verteidiger unserer südafrikanischen Brüder vereinen. Es war mit dem Bewusstsein dieser Pflicht gegenüber unserer Brüder im Sinn, dass wir finanzielle Hilfe und Stipendien für die Waisen derjenigen gewährten, die als Opfer in Südafrika fielen. Die Aufgabe, die auf dem politischen Feld zu vollenden bleibt, ist gewiss eine beachtliche, aber Wir glauben, dass, vereint in unserer Zielstrebigkeit, die völlige Unabhängigkeit jedes afrikanischen Volks zu sehen, wir in unseren Anstrengungen erfolgreich sein werden.

Jedoch kann diese Errungenschaft den afrikanischen Menschen nicht hoch angerechnet werden, wenn die erreichte Unabhängigkeit nur eine auf dem Papier ist. In einer solchen Situation ist das Hervortreten aus dem Kolonialismus nur illusorisch, und die Verwendung des Wortes Unabhängigkeit würde nicht nur eine Verfälschung, sondern auch einen Schaden für die Sache der afrikanischen Freiheit darstellen, indem ein Schutzschild errichtet wird, hinter welchem dieselben ausländischen Einflüsse, welche sich bisher vor der Welt als koloniale Interessen offenbart haben, in Verkleidung weiter agieren könnten.

In anderen Worten, jene, die Unabhängigkeit suchen, müssen eher bereit sein, darum zu kämpfen, als sie hinzunehmen; und, wenn man sie gewonnen hat, ohne Abhängigkeit und ohne Gefälligkeiten auf eigenen Füßen zu stehen. Sie müssen bereit sein, ihre Fähigkeit durchzusetzen, die Unabhängigkeit zu wahren, ohne sie gegen finanzielle Hilfe oder Subventionen zu tauschen.

Unabhängigkeit kann kein simples Wort frei von Bedeutung sein, es muss ein Prinzip verbleiben, das keinen Kompromiss oder Argwohn zulässt, ein Prinzip, welches Respekt für das Eigene und gleichzeitig Respekt für die Rechte anderer fordert. Daher müssen wir, wenn wir mit anderen Staaten und Organisationen kooperieren, höchst vorsichtig sein, damit wir Schemata nicht akzeptieren, die, zu sehr erinnernd an ihre Wunschbilder aus Kolonialtagen, Kolonialregime bewahren oder die Samen der Teilung durch zweifelhafte Methoden unter unsere Länder sähen. Das stärkste Fundament unserer Unabhängigkeit ist die Entwicklung unserer ökonomischen Ressourcen. Es ist ermutigend festzustellen, dass alle unsere Völker dieser zentralen Idee verschrieben sind und dass die Führer unseres Kontinents - den Wunsch ihrer Völker erfüllend - ihre Energien auf diese Durchführung richten. Unser Kontinent ist reich und die Anstrengungen, die ihm bisher zugetan wurden, demonstrieren, dass unser Los der Überfluss von materiellem Wohlstand sein kann.

Dieses Ideal kann durch engere Zusammenarbeit zwischen uns schneller zur Verwirklichung gebracht werden. Daher müssen wir deutliche Entscheidungen für intra-afrikanische Zusammenarbeit treffen. Wir müssen unsere Straßen verbinden; wir müssen unsere Fluggesellschaften verknüpfen und zusammenschließen und tatsächlich im Sinne der Verschmelzung unserer internationalen Dienste denken. Wir würden sogar die Errichtung einer afrikanischen Entwicklungsbank durch das Eingehen einer Teilhaberschaft für die Förderung der Expansion unseres Handels, Verkehr, Kommunikation und internationaler Dienstleistungen vorschlagen; wir müssen landwirtschaftliche und technische Informationen austauschen, wir müssen in allen Feldern menschlicher Bestrebungen hoch entwickelte Beziehungen erlangen. Wenn wir diese Ziele erreichen, dann kann unsere Abhängigkeit von fremden Märkten mit all ihren negativen Effekten abgebaut und unsere Freiheit unermesslich gestärkt werden, ohne auf jegliche Art und Weise zu Isolationisten zu werden oder beschränkte nationale Wirtschaftspolitik zu verfolgen.

Bereits vor fünf Jahren hat die Afro-Asiatische Konferenz in Bandung auf die Annahme dieser grundlegenden Prinzipien gedrängt. Es ist Zeit, dass eine zweite und ähnliche Konferenz erneut einberufen werden sollte, um diese umfassenden und fruchtbaren ökonomischen Richtlinien voranzubringen.

Wir müssen die natürlichen Bindungen, die durch die Zersplitterung unseres Kontinents durch die kolonialen Methoden von Teilen und Herrschen gespannt und geschwächt wurden, zwischen unseren Völkern sozial und kulturell ausbauen. Sogar heute werden Stammesunterschiede und andere Verschiedenheiten, Reste dieser bedauerlichen Epoche, für dieselben betrüblichen Ziele ausgenutzt. Wir müssen dafür sorgen, dass die Geschichte jedes unserer Völker den anderen bekannt und überall auf dem Kontinent geschätzt ist. Unsere Unabhängigkeit und Freiheit sind bedeutungslos, bis sie nicht an die Herzen unserer Völker gebunden sind. Daher dürfen wir keine Mühe scheuen, unsere Stipendien und anderen kulturellen Austausch in der Absicht zu erweitern, die historische Herkunft unseres Kontinents zu teilen.

Einheit

Dies sind einige Probleme, die unsere engagierten Bemühungen benötigen. Jedes einzelne Problem und das allgemeine Wohlbefinden unserer Völker benötigen Einheit von Überlegung und Tat. Sei es hier auf der Konferenz der unabhängigen afrikanischen Staaten, in den Vereinten Nationen oder auf dem internationalen Forum, unsere Einheit ist wahrhaftig unsere Stärke. Wir müssen dem Kampf der Völker unseres Kontinents Unterstützung geben, indem wir der Einheit unserer gemeinsamen Sache unverzüglich Ausdruck verleihen.

In der Vergangenheit war solch eine eigene Konferenz aufgrund der Unterwerfung unseres Länder und unserer Völker durch Kolonialmächte nicht möglich. Heute ist es nicht nur möglich, sich zu treffen, sondern auch, gemeinsame Handlungen in allen Belangen des gemeinsamen Interesses durch den Prozess der Konsultation, wie die jetzige, zu entwickeln.

Das Schicksal unseres Kontinents wird nicht länger durch Nichtafrikaner entschieden. Die Traditionen von Berlin und Algeciras, das gesamte System von Kolonialismus sind vom Kontinent beseitigt. Wir haben nun unser Schicksal in unseren eigenen Händen, aber wir dürfen aufgrund der Bedrohung der hart erkämpften Unabhängigkeit, wahrhaftig der Stabilität und dem Frieden der Welt, niemals in unserer Entschlossenheit nachlassen, niemals zulassen, dass neue Formen von Kolonialismus, welche Gestalt sie auch annehmen mögen, irgend einen von uns ergreifen. Afrikanische Führer müssen in Selbstverzicht die wirtschaftliche, politische und spirituelle Fürsorge für ihre Völker nicht bloß im Interesse des nationalen Gewinns vorantreiben, sondern der hervorragenden kontinentalen Einheit, welche allein die Ära des Kolonialismus und Balkanisierung zu Ende bringen kann.

Die Entwicklung dieses Prozesses der Absprache zu seiner höchsten Verfeinerung ist daher in unserem eigenen Interesse. Sie bringt nicht nur Regierungen in eine engere Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis, sondern wird ebenso ein konkreter Beweis dafür sein, dass unsere Entschlossenheit unser Denken auf die gemeinsamen Angelegenheiten unseres Kontinents leitet. Folglich sind die Entscheidungen und Überlegungen dieser Konferenz von höchster Wichtigkeit, nicht nur für unseren Kontinent, sondern für die Welt in ihrer Gesamtheit.

Wir beten daher, dass die Überlegungen und Entscheidungen dieser Konferenz sich nicht nur bewähren und als Inspiration für die Völker des Kontinents dienen, sondern es uns ebenso ermöglichen, durch gemeinsame Bemühungen ein friedvolles, freies und ergiebiges Leben auf unserem Kontinent zu erreichen.



Quelle: Haile Selassie I: Selected Speeches of His Imperial Majesty Haile Selassie I, Imperial Ethiopian Ministry of Information (Hg.), Addis Abeba 1967, S. 199-204.

Übersetzung: Chris


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